Wir sind gestresster, als wir es uns eingestehen.
- Katharina Winner

- 17. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Nicht, weil mit uns etwas nicht stimmt. Sondern weil wir in einer Welt leben, die uns beigebracht hat, Sicherheit über alles zu stellen – oft auf Kosten unserer Freude und unserer inneren Wahrheit.
Wir lernen früh, dass ein „richtiges“ Leben messbar ist: Ein fester Job. Ein Einkommen, das „vernünftig“ ist. Ein sicheres Zuhause.Etwas, das man vorzeigen kann, etwas, das ruhig wirkt, etwas, das funktioniert.
Wir nennen das Stabilität. Aber oft ist es einfach nur ein sehr stiller Käfig.
Wir Menschen haben ein tiefes Bedürfnis nach Zugehörigkeit.Und Zugehörigkeit wurde uns lange als etwas verkauft, das wir uns erarbeiten müssen, indem wir uns anpassen – an Tempo, an Erwartungen, an Rollen, die uns nie wirklich gehörten. Wir sagen „ja“, wenn wir „nein“ meinen. Wir funktionieren, während etwas in uns längst auf der Strecke bleibt. Wir halten durch, weil wir glauben, dass Halt von außen kommt.
Ich kenne das gut. Ich habe lange versucht, meinen Alltag zeitlich so zu kontrollieren, dass möglichst viel hineinpassen konnte. Effizient sein. Struktur halten. Die Stunden optimieren. Es fühlte sich an, als würde die Kontrolle mich schützen.
Aber eigentlich hat die Kontrolle mich müde gemacht. Ich habe mein Tempo künstlich hochgehalten, um nicht spüren zu müssen, dass ich langsamer werden müsste. Ich habe geglaubt, dass Ruhe erst möglich ist, wenn alles erledigt ist. Als wäre Erholung eine Belohnung statt ein Zustand, den mein Körper längst braucht.
Und genau das ist das Paradox, in dem so viele von uns stecken:
Wir wollen Entlastung –und erschaffen uns Belastung, weil wir Entlastung nicht gelernt haben.
Wir rennen schneller, damit wir irgendwann langsamer sein dürfen. Aber dieses „irgendwann“ kommt nicht. Es verschiebt sich nach hinten, bis wir nicht mehr merken, wie sehr uns unser eigener Anspruch auffrisst.
Wir Menschen nennen es normal, erschöpft zu sein. Wir nennen es normal, wenig zu fühlen. Wir nennen es normal, dass der Körper leise wird, weil wir laut funktionieren.
Wir ignorieren die frühen Signale – die Müdigkeit, die innere Unruhe, die Gereiztheit, die kleinen körperlichen Beschwerden, die ständige Anspannung im Brustkorb oder im Nacken – und wundern uns, dass irgendwann gar nichts mehr geht.
Erschöpfung entsteht nicht aus einer einzelnen Entscheidung. Sie entsteht aus den vielen kleinen Momenten, in denen wir uns gegen uns selbst entscheiden. Nicht aus Egoismus. Nicht aus Schwäche. Sondern aus Gewohnheit. Aus Anpassung. Aus einem alten Versprechen an uns selbst:„Wenn ich mich anstrenge, werde ich sicher.“
Aber Sicherheit entsteht nicht durch Kontrolle. Sie entsteht durch Verbindung – zu uns selbst.
Das ist der Punkt, den wir oft erst merken, wenn es schon zu spät ist: Nicht die Welt überfordert uns. Sondern das Leben, das wir uns gebaut haben, während wir versucht haben, dazuzugehören.
Und irgendwann glauben wir:„Das ist eben mein Leben.“
Ist es nicht.
Es gibt einen Moment, in dem wir aufwachen. In dem wir spüren, wie viel von uns auf der Strecke geblieben ist. In dem der Körper lauter spricht als unsere Pläne. In dem wir erkennen, dass das, was wir Stabilität genannt haben, uns längst die Kraft nimmt.
Dieser Moment ist unangenehm. Aber er ist ehrlich. Und ehrlich zu werden ist immer der Anfang.
Nicht, um alles umzuschmeißen. Sondern um zum ersten Mal zu sehen, wo wir uns selbst verloren haben – und wie wir uns wiederfinden könnten.
Nicht durch mehr Tempo. Nicht durch ein perfektes Zeitmanagement. Sondern durch die Entscheidung, uns selbst wieder wichtig zu nehmen.
Und bevor ich dir jetzt irgendeine Lösung anbiete, stelle ich dir eine einzige Frage:
Wovor rennst du in deinem Leben gerade weg –und was würde passieren, wenn du stehenbleibst?



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